Der STOLZ der VERLIERER
BRAND EINS, bekannt dafür die hippen Trends zu scouten, Fashion an die Frau oder den Mann zu bringen und auch dafür ab und zu mal eine kritische Reportage zur New Economy zu veröffentlichen, hatte im letzten Jahr auch einen Beitrag zu SIDO im Heft... .
Da ja nun, einerseits ausgelöst durch die neue Veröffentlichung von Anarchist Academy, andererseits durch den Blog von Bessere Zeiten, die Diskussion 'Was geht im deutschen HipHop' wieder läuft einige Auszüge aus dem Artikel:
Sido ist ein netter, eher ruhiger Typ. Ich treffe ihn in der Wohnung seiner Mutter (damit habt ihr nicht gerechnet, was? Aber das hat einen Grund, nur Geduld), die lächelnd daneben sitzt, während wir uns unterhalten. Später kommt auch noch seine hübsche kleine Schwester dazu. Sido ist der neue Star des deutschen HipHop, seitdem seine Debüt-CD „Maske“ im April auf Platz drei der Hitparade landete. Das lag vor allem an dem Hit „Mein Block“, einer Hymne auf das Märkische Viertel (von seinen Bewohnern liebevoll MV genannt), einer Neubausiedlung im Norden Westberlins, in der Sido aufgewachsen ist und heute wieder wohnt. Von diesem Track fühlen sich viele angesprochen, ganz besonders wohl die ignorierte schweigende Mehrheit, die in den unzähligen deutschen Großsiedlungen lebt.
Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block, meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt, reicht vom ersten bis zum 16. Stock.“ Sido, „Mein Block“
Hochhaussiedlungen sind nicht unbedingt populär: Wer in den besseren Vierteln wohnt, kennt meist niemanden in der Platte. Und umgekehrt. Nicht mal als soziale Brennpunkte sind die in den sechziger Jahren hastig geplanten Quartiere interessant, denn Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus bringen keine Einschaltquoten. Das Wissen um die Viertel ist folgerichtig vage: irgendwie hässlich, irgendwie gefährlich, irgendwie asozial. Und kriminell. Obwohl im MV, erbaut 1963 bis 1974 und bewohnt von rund 40 000 Menschen, die Kriminalitätsrate im Berliner Vergleich im Mittelfeld liegt. Aber das hat spezielle Ursachen. „Die Kriminalitätsstatistik ist hier auch so niedrig, weil wir oft nicht zur Polizei gehen. Wir haben unsere eigene Justiz“, sagt Sido. „Wenn hier zum Beispiel einer Heroin verkauft, gehen wir hin, verhauen den, das Heroin wird ins Klo gespült und fertig. Wir klären das selber.“ Der Rapper kennt sich aus im MV, seine Geschichte ist für die Gegend in vielen Punkten typisch. Allein dass sich Menschen dafür interessieren, ist ungewöhnlich.
Sido (der früher natürlich anders hieß, aber „Früher ist vorbei, heute ist die Zeit, die zählt“, wie sein Kumpel B-Tight in dem Stück „Früher“ vollkommen richtig feststellt) kam ins MV, als er in die fünfte Klasse ging. Das ist die Phase, in der man anfängt zu schauen, was für Klamotten die anderen Kids tragen, um sich darzustellen, abzugrenzen und zu behaupten. Doch was tust du, wenn alle teure Marken haben, während du Polenfälschungen trägst, weil du dir nichts anderes leisten kannst? Genau, du machst Musik. Sido begann zu rappen.
Battle-Raps sind für Außenstehende gewöhnungsbedürftig. Oft geht es ums Ficken, ich fick dich, und du kriegst keinen hoch, ich fick dich in den Arsch, bis du nicht mehr kannst, und so weiter. Aber das ist alles halb so wild: „Die Leute nehmen das zu ernst“, meint Sido. Die Sachen sollen dreckig sein, aber auch witzig, vor allem durch Selbstironie und Übertreibungen. „Manchmal geht es nur darum, jemandem extra einen reinzudrücken. Es hieß zum Beispiel, ‚ihr redet immer nur über Arschficken‘. Das stimmte nicht, aber deswegen habe ich einen Song zum Thema gemacht, den ‚Arschficksong‘.“
Die Härte hat mit der Herkunft des Genres zu tun: Rap wurde in den USA in schwarzen Ghettos erfunden, auch der bekannteste weiße Rapper, Eminem, soll aus einem Trailerpark stammen, einer Wohnwagensiedlung, eine US-Variante des Armenviertels. Das permanente Herausfordern in der Szene erzeugt einen enormen Wettbewerbsdruck, der sehr demokratisch ist: Weil man für Rap keine Produktionsmittel braucht, kann theoretisch jeder ein Star werden. In Deutschland war HipHop bisher allerdings eher ein von Plattenfirmen gefördertes Mittelstandsphänomen oder Teil der kritischen Kultur. Sido ist der erste deutsche Rapper, der sich tatsächlich von ganz unten nach oben gerappt hat.
Das war nicht einfach. Sido ging mit der Durchschnittsnote 4,7 von der Schule, brach eine Ausbildung als Erzieher ab und lebte auf der Straße, bevor er sich mit seinem Freund Bobby eine Wohnung teilte, die immer kalt war, weil sich die beiden keine Kohlen leisten konnten. Und das Klo war auf dem Hausflur. Das Einzige, was neben Sex, Drogen und Überleben zählte, war die Musik. Mit Bobby alias B-Tight bildete Sido das Duo Die Sekte, später umbenannt in A.I.D.S. (Alles Ist Die Sekte). Die beiden veröffentlichten Kassetten, bis sie 2001 von dem gerade gegründeten Label Aggro Berlin unter Vertrag genommen wurden, bei dem sie noch heute sind. Wie kommt man zu einer derartig extremen Karriere?
„Ich wollte nicht enden wie alle anderen. Ich habe mir vorgestellt, wie es weitergeht: Du hast irgendeinen Beruf, aber nur, weil es sein muss. Abends kommst du nach Hause und streitest dich mit deiner Frau. Und das halbe Jahr freust du dich auf den Urlaub, weil du da endlich Ruhe hast.“
Ein Vorbild will Sido trotzdem nicht sein. „Ich werde niemandem sagen, dass er leben soll wie ich. Wenn ihr die Möglichkeit habt, kauft euch schöne Klamotten, seht gut aus, kümmert euch. Ich musste kämpfen, aber man weiß nie, ob ein anderer mit dem Leben so umgehen kann wie ich. Ich habe viele Leute untergehen sehen. Ich bin ein gutes Beispiel, wie es laufen kann, aber ich bin auch ein seltenes Beispiel.“
Im Märkischen Viertel muss man nicht lange suchen, um erlierer zu finden. „Alle, die hier noch wohnen, sind gescheitert. Mein früherer ehemaliger Freund arbeitet jetzt bei der Bank, der ist weggezogen. Das geht auch nicht anders. Du triffst hier deine Freunde, die dauernd kiffen und Playstation spielen, während du selber ins Bett musst, weil du morgens zur Arbeit gehst.
Das macht keinen Spaß. Da musst du dich entscheiden: Wenn du arbeitest, darfst du hier nicht mehr sein, weil dich alles ablenkt.“
Das MV als Freizeitpark: Wer nicht säuft, der kifft, in jedem Haus gibt es Dealer. Geld hat niemand, aber da findet sich eine Lösung: Einige Leute stehen früh auf, damit sie rechtzeitig in den Bürohäusern sind, pünktlich zur Frühstückspause, in der sie durch die leeren Räume laufen und alles einstecken, was man brauchen kann, Geld, Handys und so weiter. „Klauen lernen hier manche Kinder mit fünf, wenn die Mutter im Supermarkt sagt, komm, nimm mal mit.“ In dem Punkt hat Sido mit seiner Mutter Glück gehabt. Und das hat er ihr mit einem der rührendsten Lieder gedankt, die in den vergangenen Jahren in Deutschland entstanden sind.
„Ich wollte nie sein wie ihr, keiner hat’s verstanden, keiner von den Freunden, auch keiner von den Verwandten, nur meine Mutter hat immer hinter mir gestanden, sie bereut’s auch nicht – Mama ist stolz auf dich.“ Sido, „Mama ist stolz“
Den Refrain „Mama ist stolz auf dich“ hat Mama selbst eingesprochen. Und auch sonst ist die Frau, die sich als Löwenmutter bezeichnet, eine Freude: „Ich habe immer Vertrauen zu meinen Kindern gehabt, und wenn man jemandem Vertrauen entgegenbringt, wird einem auch vertraut.“
Aber natürlich weiß sie, dass nicht alle so viel Glück und Talent wie ihr Sohn haben. „Für viele Jugendliche hier im Viertel gibt es keine Perspektive.“ Was sollen sie denn tun? Da geht eine ganze Klasse von der Schule, 20 Leute, aber nur zehn haben einen Ausbildungsplatz. Der Rest wird vom Arbeitsamt in Programme gesteckt, in denen sie in sechs Monaten einen Gabelstaplerschein machen – und was dann? Die Kinder haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll, die Eltern wissen es ebenfalls nicht, und es gibt niemanden, der es ihnen erklärt. Am Ende heißt es, sie seien dumm, faul oder kämen aus einer asozialen Familie. Aus der Neubausiedlung eben.
Sido ist trotzdem froh, dass er hier aufgewachsen ist. „Die Gegend hat mein Leben bestimmt, mein Reden, mein Handeln, mein Denken, wie ich eine Frau anmache, wie ich mich auf einer Party benehme, wie ich zu meiner Mutter gehe. Das Märkische Viertel hat mich gelehrt, geradeheraus zu sein, und wie wichtig Freunde sind. Und mein Motto: Tu niemandem etwas an, was du nicht selber erleben willst. Ich habe das auch gelernt, weil hier nicht viele danach leben. Man nimmt sich ja oft ein gutes Beispiel an schlechten Vorbildern.“
„Früher hab ich auch meine Mutter beklaut, im Suff wurde ich dann meiner Mutter geraubt, früher war das Jugendamt schlimmer als die Polizei, heute ist der ganze Scheiß gottseidank vorbei.“ B-Tight, „Früher“
Die Mühe wird aber auch anerkannt. „Aggro Berlin ist ein Gottesgeschenk. Kein anderes Label wäre mit mir zurechtgekommen“, weiß der Rapper Fler, der im Juli seine erste Single „Aggro Berliner“ veröffentlicht. Fler spricht sehr schnell, er sagt, er war schon immer hyperaktiv. Zügig erzählt er seine Geschichte: mit 15 in die Psychiatrie wegen Angstzuständen, danach ins Heim, später ins betreute Einzelwohnen. Im Heim begann er eine Lehre als Maler und Lackierer, die er aber nicht beendete.
Na, und?
„Alle, die gesagt haben, lass das Rappen, mach deine Ausbildung fertig, haben Unrecht gehabt. Ich sehe meine Kollegen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben – die sind alle arbeitslos.“
Was nicht heißen soll, dass jetzt alles gut ist. „Ich habe die Schule verkackt, die Ausbildung verkackt, irgendwas muss ich machen. Es geht darum, dass du nicht verhungerst. Wenn das mit der Musik nicht klappt, kann ich mir einen Sarg bauen. Ich muss das durchziehen, ich brauche Erfolg. Ich kriege jetzt Geld von Auftritten und von Aggro, wenn das weg wäre, weiß ich nicht, ob ich damit klarkäme. Ich glaube, ich würde wieder kriminell werden. Ich habe nie Drogen verkauft, aber ich habe in Supermärkten in die Kasse gegriffen. Ich habe mir immer das genommen, was ich wollte.“
Das Leben als Kleinkrimineller kennen sie alle. Einer von den Kumpels sitzt gerade im Knast, wegen, na, sagen wir mal, Geschäften. Überhaupt haben sie viel gemeinsam:
Keiner der Jungs kennt seinen Vater. Alle kiffen. Und alle wollen berühmt werden. Fler meint: „Berühmt sein ist das Einzige, worum es geht.“
Und um Geld. Fler? „Auf jeden Fall. Wenn du dir nichts leisten kannst, bist du am Arsch. Ich bin 22 und habe zum ersten Mal ein Zimmer, in dem nur steht, was mir gefällt. Ich bin echt glücklich. Ein Kind, das immer haben konnte, was es wollte, versteht so was gar nicht.“ Das passt zu dem, was Sido sagte. „Ich habe lange auf der Straße gelebt und bin echt dankbar für das, was ich erreicht habe.“
Ja, so einfach könnte es sein. Ein paar Jungs, die nichts haben, kämpfen sich nach oben, um endlich anständig shoppen zu können. Die klassische Aufsteigergeschichte, Materialismus pur. Und vielleicht ist das alles. Aber vielleicht hat auch Sidos Mutter Recht: „Ich sehe die Texte meines Sohnes anders, ich höre, was dahinter steht. Er ist ein kleiner Aufklärer. Er sagt den Leuten: Kommt endlich zu Verstand.“ Also noch mal zum Anfang.
„Ihr würdet mich gerne eintüten und wegpacken, denn ich pass euch nicht in den Kragen wie ein Specknacken.“ Sido, „Ghettoloch“
Das Märkische Viertel. Sido nennt es ein Ghetto, und das ist es, wie fast alle Neubausiedlungen in Deutschland: räumlich und sozial isoliert, bewohnt von Sozialhilfeempfängern, Arbeitslosen und Immigranten, ein nicht geringer Bevölkerungsteil, der in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr vorkommt.
Wir sitzen in der Wohnung von Sidos Mutter, die darum bittet, dass man hinter die Worte guckt, es ginge nicht einfach um Beschimpfungen. Und dann sagt sie: „Die da oben sind doch alle durchgeknallt.“
Sido hat eine dazu passende Vorstellung von Erfolg: „Geld, Sex, Gewalt und Drogen – das ist mein Bild von ganz oben. Wenn man Leute wie Friedman sieht oder Beckenbauer, dann weiß man, dass es nur darum geht. Die betrügen alle ihre Frauen. Und Gewalt muss ja nicht heißen, dass man jemanden schlägt.
Egoismus, immer an sich denken, die Ellbogengesellschaft – das ist Gewalt. Kürzlich zum Beispiel, bei Big Brother, sagte Karim, der früher bei Touche war, er brauche jeden Tag eine halbe Packung Zigaretten, die will er haben. Die haben da alle nur zwei Kippen, aber er will eine halbe Schachtel, weil er mal ein Promi war – das ist doch Gewalt.“
Sido, der jetzt, da er Geld hat, den Kühlschrank seiner Mutter auffüllt, und, wie amerikanische HipHop-Stars (Ice-T, guter Mann!), seine Kumpel in seine Geschäfte einbinden will, meint: „Wir sagen eigentlich nur, was wirklich passiert.“ Etwas zugespitzt vielleicht.
B-Tight: „Die Wahrheit ist schwer zu ertragen, deswegen machen viele so einen Aufstand. Sag mal einem Alkoholiker, du brauchst eine Therapie – der regt sich auf. Genauso ist es mit Deutschland. Die Leute wollen nicht wissen, wie es wirklich ist.“
B-Tight nennt sich „Der Neger“, weil er einer ist, zumindest zur Hälfte, und rappt über sein Talent als Beischläfer, den die Frauen anbetteln: „Neger, Bumms mich, Bumms mich hart“. B-Tight, „Bumms mich“
Und natürlich gibt es in der Provinz immer Sozialpädagogen oder Feministinnen, die das oder irgendwas furchtbar finden und verbieten lassen wollen, weil alles egal ist, solange nur alles ruhig ist. Die Verdrängungsmaschine läuft auch bereits: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bearbeitet derzeit drei Anträge auf Indizierung mehrerer CDs von Aggro Berlin.
Dabei ließe sich von den Jungs viel lernen. Nicht nur interessante neue Worte und Sexualpraktiken. Sie haben auch eine Botschaft, diese Typen, die übers Ficken reden, als wären sie die Bosse, aber tatsächlich zu den Gefickten gehören, ganz unten auf der sozialen Leiter, wo es nicht mehr weiter runtergeht. B-Tight?
„Meine Botschaft ist: Mach, was du kannst, bleib, wer du bist, und pass immer auf, denn auch wenn du denkst, es gibt keine Probleme, wirst du welche haben. Und achte auf deine Freunde, ohne Freunde kannst du alles vergessen.“
Fler sieht das ähnlich. „Familie ist wichtig, Freunde sind wichtig. Wenn du dein Geld nicht mit Freunden ausgeben kannst, brauchst du kein Geld.“
Seine Botschaft: „Sitz nicht rum, sei kein Opfer. Du bist ein guter Schlüsselmacher? Dann mach Schlüssel, vielleicht wirst du damit Millionär. Da gab es diese Vögel aus Kreuzberg mit Hornbrillen und Untergewicht, die immer nur am Computer gesessen haben, die haben eine Firma gegründet, Jamba, und dafür irgendwann 20 Millionen auf dem Konto gehabt. Das ist echt krass.“
… Homies, die sind doch süß und nicht gefährlich?
